Sonntag, 30. Oktober 2016

[Zwischenspiel] Under Construction

Woop, woop. Hallo zusammen, wie läufts da draußen?
Bei mir herrscht gerade das Chaos und es verändert sich einfach total viel. Privat, beruflich, überhaupt. Das wird auch für den Blog gelten. Und das bedeutet: Zeit für eine Blogpause~

Das hat mehrere Gründe: Zum Einen kann es sein, dass ich demnächst kein Internet habe. Zum Anderen möchte ich das ein oder andere ändern. Also, erst der Neustart für mein Leben, dann der Neustart für meinen Blog und tada, schon bin ich wieder da!

Aber eines kann ich euch versprechen: Ich habe richtig Lust aufs Bloggen! Daher fällt es mir eigentlich sogar schwer in diese Pause zu gehen, aber es passt jetzt einfach richtig gut rein.
Ich hoffe, dass ihr mir nicht untreu werdet ;)

Zwischendurch wird eine Rezension - oder auch noch eine zweite - online kommen, aber das ist die Ausnahme. Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel, oder? :D

Also, genießt den Herbst, gönnt euch eine leckere Suppe und daaaaaann sehen wir uns bald wieder! Mit Ideen und Zeug. Ich freue mich schon drauf, wieder zurückzukommen. Ehrlich! Und bis dahin lest ihr mich auf Twitter und Facebook und Instagram :D



Montag, 24. Oktober 2016

[Rezension] Der Baron auf den Bäumen - Italo Calvino





Titel: Der Baron auf den Bäumen
Autor:  Italo Calvino
Original: Il barone rampante
Aus dem Italienischen: Oswalt von Nostitz
Verlag: S. Fischer
Erschienen: 1957
ISBN:  978-3-596-90441-9
Preis: 9,99€

 
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Italo Calvino, am 15. Oktober 1923 in Santiago de las Vegas auf Kuba geboren, wuchs in San Remo auf. Er arbeitete mehrere Jahre als Lektor des Verlages Einaudi und als Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften. Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und in alle Weltsprachen übersetzt. Italo Calvino starb am 19. September 1985 in Siena.









Am 15 Juni 1767 beschließt der zwölfjährige Baron Cosimo Piovasco di Rondò, das dekadente Milieu seiner aristokratischen Familie zu verlassen, um fortan auf den Bäumen zu leben. Er erhebt sich von der Familientafel, klettert auf eine Steineiche und wird bis zu seinem Tod die Erde nicht mehr betreten.

Es war der 15. Juni 1767, als Cosimo Piovasco di Rondò, mein Bruder, zum letzten Mal in unserer Mitte saß.






Als ich mir überlegte, welche Bücher ich im Jahr der Klassiker lesen könnte, war mir relativ schnell klar, dass ein Buch von Calvino unbedingt dazu muss. Und dann fiel die Entscheidung ähnlich schnell auf Der Baron auf den Bäumen. Es war die richtige Entscheidung. Auf einer Seite wirkt diese Idee so fantastisch und unglaublich, aber beim Lesen stellt man wirklich fest, wie bodenständig die Geschichte dahinter ist.
Mit zwölf Jahren entschließt sich der junge Baron Cosimo dazu, fortan sein Leben auf Bäumen zu verbringen. Er entflieht somit ein strengen Etiketten und zerstreuten Eltern. Erzählt wird das Ganze von seinem jüngeren Bruder, der aber trotzdem ein allwissender Erzähler ist. Ich bin einfach nach wie vor fasziniert von dieser Idee, nur auf Bäumen zu leben, dort sein ganzes Leben zu verbringen. Und zugleich davon, dass in der Zeit Cosimos so viele Bäume waren, dass er unendlich weit durch die Gegend streifen konnte, ohne die hohen Wipfel zu verlassen. Das hat mich während des Lesens immer wieder berührt, denn wenn ich mir vorstelle, wie wunderbar waldig die Welt damals war und heute... Das war übrigens auch der Grund, warum ich mich für dieses Buch entschieden habe, denn ich finde Bäume wunderbar und... wunderbar. Und beim Lesen hatte ich manchmal das Bedürfnis, auch mal wieder auf einen Baum zu klettern und die Welt aus dieser Sicht zu erleben. Aber meine Schwärmerei für Bäume und Wälder hat nichts mit der eigentlichen Geschichte zu tun.
Stellt euch mal vor, euer zwölf Jahre altes Kind entschließt sich, jetzt auf Bäumen zu leben und die Erde nie wieder zu betreten. Dem würdet ihr doch was husten und es möglichst schnell wieder runter bringen, oder? Hier passiert das nicht und Cosimo verbringt schließlich sein gesamtes Leben auf den Bäumen. Da fragt man sich doch wirklich, was ihn dazu bewogen hat, für immer Mutter Erde zu verlassen. Dieses Buch beinhaltet so viele Interpretationsmöglichkeiten... so viele Gedanken und Ideen und auch Inspirationen... ich könnte euch meine in aller Ausführlichkeit darlegen, aber wenn ihr dieses Buch lest, werdet ihr vielleicht etwas ganz anderes herauslesen.
Beeindruckt hat mich auch die Leichtigkeit der Geschichte. Sie hat zum Teil den Anschein eines Jugendbuches, dann eines Abenteuerromans, ist aber zugleich eine komplette Lebensgeschichte. Es ist amüsant, hat Witz, Spannung, Wendungen und zugleich philosophische Momente.
Ich sage es mal so: Selten fiel es mir so schwer, all meine Gedanke in Worte zu fassen, denn es sind so unglaublich viele! Dabei ist es jetzt doch schon etwas her seit der Lektüre.






Cosimos Leben hat mich wirklich berührt, in vielerlei Hinsicht. Und Italo Calvino hat einfach einen perfekten und phantastischen Roman geschrieben, den ich euch unbedingt ans Herz legen möchte. Vielleicht dauert es einen Moment, bis ihr euch eingelesen habt, aber es lohnt sich.







Quellen
Cover; Autorenvita; Inhalt

Samstag, 22. Oktober 2016

[Rezension] Der Dieb in der Nacht - Katharina Hartwell





Titel: Der Dieb in der Nacht
Autor:  Katharina Hartwell
Verlag: Berlin
Erschienen: August 2015
ISBN:  978-3-8270-1279-1
Preis: 20,00€
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Katharina Hartwell, 1984 geboren, studierte Anglistik und Amerikanistik sowie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sie war u.a. Gewinnerin des MDR-Literaturpreises und Stipendiatin des Landes Hessen und des Freistaates Sachsen. 2013 war sie die Sylter Inselschreiberin. Ihr erster Roman »Das Fremde Meer« wurde begeistert aufgenommen und mit dem Hallertauer Debütpreis und dem Förderpreis für phantastische Literatur Seraph ausgezeichnet. 2015 erschien ihr Roman »Der Dieb in der Nacht«. Sie lebt in Berlin.








Zehn Jahre nachdem Felix verschwunden ist, sitzt Paul in einer Prager Kellerbar plötzlich seinem besten Freund gegenüber. Zumindest ist Paul im einen Moment sicher, ihn vor sich zu haben, im nächsten sieht der Mann Felix nicht einmal mehr ähnlich. Paul gerät in den Bann jenes Mannes, der sich Ira Blixen nennt, sich bewegt wie Felix, ihn anschaut wie Felix und ein Muttermal an der gleichen Stelle am Handgelenk hat. Kann es Zufall sein, dass Blixen vor Jahren bewusstlos aus dem Fluss gezogen wurde und keine Erinnerung an seine ersten 20 Lebensjahre besitzt? Blixen folgt Paul nach Deutschland, und es entwickelt sich ein Vexierspiel um Verlust, Identität und Sehnsucht, um Angst, Definitionen von Wirklichkeit und die Frage, wie sich über die Leerstelle sprechen lässt, die das Verschwinden eines Menschen in die Leben seiner Nächsten sprengt.

Als es klingelt, hat sie bereits geschlafen.







Dieser Roman ist... er macht mich immer noch sprachlos. Er ist faszinierend, weil er so verwirrend ist. Was ist hier die Realität, was ist wirklich passiert?
Es ist in erster Linie Paul, der diese Unsicherheit durchlebt, der einfach nicht aufhören kann, an seinen verschwundenen Schulfreund Felix zu denken und schließlich ihn wiederfindet. Oder auch nicht. Doch auch Louise und Agnes – Schwester und Mutter Felix' – erzählen ihre Geschichte und ihr Erleben.
Okay, dieses Buch ist großartig. Selten habe ich ein Buch gelesen, das mich so verwirrt hat und jedes Mal, wenn ich glaubte, der Lösung einen Schritt näher zu sein, wieder in eine völlig andere Richtung geführt hat. Es lässt einen nicht los und ich konnte einfach nicht aufhören, zu lesen. Ich musste es beenden, ich musste wissen, wie es ausgeht. Ich musste wissen, ob Blixen wirklich Felix ist.
Das gesamte Buch ist eigentlich ein reines Psychospiel. Es spielt mit den Gefühlen der drei Protagonisten und es spielt mit den Gefühlen der Leser. Ich konnte mich so unglaublich gut in Paul, Louise und Agnes hineinversetzen, ich habe so sehr mitgefühlt. Die Euphorie, die Unsicherheit und die Angst. Ich als Leserin war einfach mitten drin und nicht nur das: In diesem Moment war ich der jeweilige Charakter. Der Dieb in der Nacht hat es geschafft, dass ich alles um mich herum vergessen habe, alles um mich herum hat sich einfach aufgelöst und ich war gefangen in der Geschichte. Dabei ist die Geschichte rein inhaltlich denkbar einfach: Ein Junge verschwindet spurlos. Es lässt die Angehörigen nicht los und dann findet einer von ihnen viele Jahre später den Jungen wieder. Doch gleichzeitig ist diese Geschichte alles andere als einfach: Ihr wisst, wie viele Gefühle schon die pure Sorge um jemanden auslösen kann. Und dann diese Vorstellung, welche Gefühle entstehen, wenn eine geliebte Person einfach verschwindet; und schließlich wieder auftaucht. Das ist ein wahres Meer an Gefühlen und das erlebt man als Leser einfach mit.
Ich schrieb ja, dass dieses Buch mich sprachlos macht, einfach nur sprachlos. Aber ich kann euch sagen (wenn ihr das noch nicht rauslesen konntet), es hat mich berührt und bewegt. Ich kann mich nicht genau erinnern, wann ich das letzte Mal eine solche Achterbahn der Gefühle beim Lesen eines Buches hatte. Allein beim Gedanken daran bekomme ich wieder Gänsehaut.
Okay, vielleicht noch etwas zu den Protagonisten: Die drei sind völlig unterschiedlich und genauso gehen sie auch mit dem Verschwinden um. Paul, der erste Erzähler und vor allen Dingen der Entdecker von Blixen, ist für mich der emotionalste Charakter. Die Gefühle der beiden Frauen sind auch stark, aber rein menschlich gesehen ist keine so emotional wie er. Seine Beziehung zu Felix war – sowie man es seinen Erinnerungen entnehmen kann – seltsam. Das habt ihr nicht erwartet, oder? Aber für mich hatten die beiden wirklich keine Freundschaft in dem Sinne, es ist einfach anders. Dadurch entstehen jedoch noch einmal ganz andere Gefühle als bei den beiden Blutsverwandten. Von daher ist Paul auch die Person, die für mich am Einprägsamsten war. Auch die beiden Frauen sind aber nicht langweilig, nur nicht ganz so intensiv und detailliert gestaltet wie Paul. Agnes ist die Schwammigste von den dreien, aber dennoch ein wirklicher Charakter.
Rein sprachlich hat das Buch mich von Anfang an mitgenommen. Katharina Hartwell hat einen sehr eindringlichen Stil, durch den die ganzen Emotionen noch stärker werden und das ist wohl perfekt für diese Geschichte.






Oh wow. Das Buch hat mich einfach nur mitgenommen – ein wahres Feuerwerk an jeglichen Emotionen und dabei ein Buch, das einen immer wieder überrascht und unsicher werden lässt. Für mich ein wahres Herzensbuch.







Quellen
Cover; Autorenvita; Inhalt

Donnerstag, 20. Oktober 2016

[Rezension] Lady Africa - Paula McLain





Titel: Lady Africa
Autor:  Paula McLain
Original: Circling the Sun
Aus dem Englischen: Yasemin Dincer
Verlag: Aufbau
Erschienen: August 2015
ISBN:  978-3-351-03619-5
Preis: 19,95€
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Paula McLain studierte an der University of Michigan Kreatives Schreiben und lebte in den Künstlerkolonien Yaddo und MacDowell. Nach zwei Gedichtsammlungen und einem ersten Roman gelang ihr mit dem in 35 Sprachen übersetzten Roman „Madame Hemingway“ ein internationaler Bestseller. Paula McLain lebt mit ihrer Familie in Cleveland.









Aufgewachsen als Tochter eines Lords im afrikanischen Busch, interessiert sich die junge Beryl nicht für Seidenkleider und Etikette. Dafür ist sie stark und mutig wie ein Kipsigis-Junge und hat von ihrem Vater alles über Rassepferde gelernt. Doch im britischen Protektorat – dem späteren Kenia – der vorigen Jahrhundertwende ist kein Platz für solch ein ungezähmtes Mädchen. Bis sie in Karen Blixen eine Seelenverwandte findet – und in deren Geliebtem, dem Flieger und Großwildjäger Denys Finch Hutton, das Abenteuer ihres Lebens.


Die Vega Gull ist pfauenblau mit silbernen Flügeln, prächtiger als jeder Vogel, den ich je gesehen habe, und ich darf sie fliegen.






Was für eine Frau. Das war mein erster Gedanke, nachdem ich das Buch beendet hatte. Ich finde unglaublich faszinierend, wie Beryl im Afrika des frühen zwanzigsten Jahrhundert aufwächst und sich behauptet. Und dann ist es auch nach eine wahre Geschichte, eine Frau, die sich dort wirklich auf diese Art und Weise durchgekämpft hat, wie das Buch es beschreibt. Unglaublich!
Vorweg muss ich aber sagen, dass ich etwas mehr Fliegerei erwartet hatte. Letzten Endes nimmt Beryls Entdeckung für den Himmel nur einen sehr geringen Teil ganz am Schluss des Buches ein. Das war der einzige Punkt, der mich etwas enttäuscht hat; zugleich hatte ich aber auch das Bedürfnis, immer weiter zu lesen, um endlich dahin zu kommen. Dennoch bleibt Beryl eine unglaublich faszinierende Frau. Neben der Fliegerei ist sie auch die erste Frau in Afrika, die eine Trainerlizenz für Rennpferde erwirbt - und ganz im Ernst, das ist eine unglaublich spannende Szene. Aus jeder Seite spürt man Beryls Liebe für Pferde.
Doch da beginnt das Buch nicht, es beginnt damit, dass Beryls Mutter sie und ihren Vater verlässt, um nach England zurückzukehren. Es beginnt also mit Beryls Kindheit. Dadurch kann man von Anfang erschließen, warum sich Beryl so entwickelt, wie sie sich entwickelt. Sie wird eine starke, unabhängige Frau, was ihr auch einige Probleme bereiten wird. Aber für mich - als Frau des 21. Jahrhunderts - konnte ich mich gut mit ihr identifizieren. Sie ist nicht sehr emotional und gibt nicht gleich auf oder nach, das fand ich einfach wunderbar. So eine Persönlichkeit muss man auch sein, um sich in der Rennszene durchzubeißen. Ich finde, dass sie selbst im verliebten Zustand nicht weich und weiblich wird, sondern eher unsicher und unbeholfen. Das mag ich unglaublich an ihrem Charakter und der Art, wie sie beschrieben wurde. So bleibt ihre Figur das ganze Buch über authentisch in der Entwicklung und Haltung. Einfach wunderbar, da hat man eben noch mehr das Bewusstsein, dass eine Frau dahinter steckt, die wirklich existiert hat. So könnte man sich Beryl wirklich vorstellen.
Kenia zu dieser Zeit ist wirklich ein Dorf. Zumindest für die Ausländer, die dort leben. Daher begegnet Beryl immer wieder den gleichen Charakteren. Da gibt es welche, die man sofort ins Herz schließt und andere, die sich einem nicht erschließen. Und das fühlt man alles, weil Beryl es so empfindet. Misstrauen, Unsicherheit oder das schlichte Gefühl, eine Person einfach nicht richtig zu kennen - wenn die Protagonistin das empfindet, geht es dem Leser genauso. Das macht Spaß, das macht das Buch lesenswert.
Schon Madame Hemingway der Autorin hat mich ja begeistert, hier ist es genauso. Paula McLain kann sich fantastisch in ihre Figuren hineinempfinden und sie auf dem Papier zum Leben erwecken. Dabei unterscheiden sich die Bücher sehr: Dieses Buch hier fand ich etwas beschwerter, während Madame Hemingway durch den anderen Lebensstil doch etwas leichter wirkt. Aber Beryl ist kein leichter Charakter, sie flaniert nicht durch die Gesellschaft, sondern es liegt ihr nicht wirklich. Somit ist die gesamte Grundstimmung etwas herber und ruhiger.






Ein wunderbares biographisches Buch, einer faszinierenden Frau. Ich hätte gerne mehr von ihr gelesen.








Quellen
Cover; Autorenvita; Inhalt

Dienstag, 18. Oktober 2016

[Rezension] Bühlerhöhe - Brigitte Glaser





Titel: Bühlerhöhe
Autor: Brigitte Glaser
Verlag: List
Erschienen: August 2016
ISBN: 978-3-471-35126-0
Preis: 20,00€
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Geboren 1955 in Offenburg. 1974 Abitur in Achern. 1975-1980 Studium der Diplom-Sozialpädagogik in Freiburg. 1980 Wechsel nach Köln. Dort Arbeit in einem Jugendzentrum, in der Jugendmedienarbeit und der Erwachsenbildung. 1996 erscheint mit „Kölsch für eine Leiche“ der erste Krimi, 2001 -2008 „Tatort Veedel – Orlando & List ermitteln“, eine Kurzkrimi-Serie im Kölner Stadtanzeiger, 2003 „Leichenschmaus“, der erste Katharina-Schweitzer-Roman, 2010 „Schreckschüsse“, erstes Jugendbuch. Seit 2008 freie Schriftstellerin in Köln.








Rosa Silbermann wird 1952 mit einem geheimen Auftrag in das Nobelhotel Bühlerhöhe geschickt. Die in den 1930ern aus Köln nach Palästina emigrierte Jüdin arbeitet für den israelischen Geheimdienst. Ihre Gegenspielerin ist die misstrauische Hausdame Sophie Reisacher. Die musste 1945 das Elsass verlassen und sucht ihre Chance zum gesellschaftlichen Aufstieg. Beide haben erlebt, was es heißt, wenn ein ganzes Land neu beginnen will. Keine von ihnen vertraut der beschaulichen´Landschaft des Schwarzwalds. Und beide wissen von einem geplanten Attentat auf Bundeskanzler Adenauer, wobei jede ihre eigenen Pläne verfolgt. Zwei Frauen in einer Männerwelt, in der es um Macht, Geschäfte und alte Seilschaften geht – und irgendwann um Leben und Tod.

Die zwei jungen Männer tauchten während der Orangenernte im Kibbuz auf.






Das Buch ist ein Muss für mich gewesen, immerhin ist es ein BaBü und spielt in unmittelbarer Nähe zu meiner Heimat. In der Gegend ist die Bühlerhöhe für jeden ein Begriff – nicht nur wegen der leckeren Bühler Zwetschgen... Dass damals 2006 die englische Nationalmannschaft dort ihr Quartier hatte, war allerdings ein absolutes Highlight.
In Brigitte Glasers Buch befindet man sich allerdings in einer ganz anderen Zeit: Im Jahre 1952. Und man könnte sich nach den ersten Sätzen auch fragen, was das bitteschön mit der Bühlerhöhe zu tun hat – ein Kibbuz ist diese ja nun wirklich nicht. Doch dahinter steckt eine wirklich spannende Geschichte und Idee. Es ist ein Fakt, dass Konrad Adenauer sich im Hotel Bühlerhöhe immer mal wieder erholt hat – und daraus hat die Autorin eine spannende Geschichte entwickelt, die auch jederzeit so hätte passieren können.
Protagonistin ist Rosa Silbermann, eine junge Jüdin aus dem Kibbuz, die während des Krieges aus Deutschland fliehen musste. Sie ist diejenige, die für den Mossad als Agentin den Kanzler schützen soll. Das Interessante für uns Leser ist einfach, dass sie keine Ausbildung zur Agentin absolviert hat. Rosa wird nur aufgrund ihrer Ortskenntnisse ausgewählt; und so erlebt man nicht nur die Suche nach dem Täter, sondern auch immer wieder Rosas aufblitzende Erinnerungen. Das macht das Buch noch authentischer und man hat das Gefühl, dass diese Geschichte eben doch auch hätte wahr sein können. Auch die anderen Figuren tragen zu diesem Gefühl bei. Jede einzelne ist nämlich wunderbar ausgearbeitet und detailliert gestaltet worden. Egal ob Rosas Gegenspielerin Sophie, Pfister, Agnes oder Ari – jede Figur wirkt einfach wie aus dem wahren Leben gegriffen. Sophie ist natürlich eine der Charaktere, die mit die größte Rolle spielen. Und sie ist wirklich kein sonderlich sympathischer Mensch, man verspürt sofort eine Abneigung, doch zugleich habe ich während des Lesens auch irgendwo Mitleid mit ihr gehabt. So wie es oft im wahren Leben ist. Faszinierend finde ich jedoch immer noch, dass sie eigentlich relativ stark meinem Bild einer Hausdame in dieser Zeit entspricht. Das hat einfach perfekt gepasst.
Es wäre zu viel, wenn ich jetzt auf jeden Charakter eingehen würde, der mir im Sinn geblieben ist und der mich fasziniert hat. Vor allen Dingen würde die Spoilergefahr sehr groß werden, denn es ist hier nicht jeder, was er zu sein scheint. Das macht es nicht nur Rosa schwer, ihre Aufgabe zu erfüllen, auch ich als Leser habe mit einigen Wendungen so definitiv nicht gerechnet.
Der Roman ist kein Actionbuch, es kommt zwar zu einigen Vorfällen, aber die Spannung kommt eher durch Rosas Erinnerungen und die Suche nach dem Attentäter. Es gibt jedoch wirklich zwischendurch Momente, in denen man die Luft anhalten kann – und sei es nur, dass Rosa bei ihrer Recherche nicht entdeckt wird. Irgendwie will man da ja auch helfen, oder? Ich muss auch sagen, dass nur der Spionage-Agenten-Teil nicht spannend gewesen wäre. Für mich gewinnt Bühlerhöhe auch durch die Vergangenheit. Und das sind nicht immer schöne Momente, ganz im Gegenteil. Da der Krieg einen Großteil der Erinnerungen einnimmt, sind es auch wirklich tragische Momente, die einem nahe gehen. Aber dadurch wird der Roman noch tiefer und noch realer.

BaBü

Spannend war es für mich natürlich auch, wie wohl meine Heimat in der Vergangenheit ausgesehen hat. Daher fand ich so kleine Momente, wie der Besuch auf dem Postamt im Bühl oder die Fahrt nach Baden-Baden einfach wunderbar. Es sind zwar nur kleine literarische Einblicke, aber ich finde einfach, dass sie die Bilder von damals noch etwas lebendiger machen. Und geht es nur mir so oder findet ihr es einfach auch faszinierend, wenn vielleicht eure Bahnstation plötzlich in einem Buch auftaucht? Mich begeistert das einfach.
Die Bühlerhöhe als Ortsteil und auch das Hotel Bühlerhöhe waren mir natürlich vorher schon ein Begriff. Doch die Vergangenheit kennt man eben nicht. Da ist das große Nobelhotel, aber ich wusste nicht einmal, dass Konrad Adenauer sich dort oft erholt hat. Auch die Entstehungsgeschichte wird zwischendurch einmal erwähnt und war überraschend spannend. Es ist einfach toll, wenn man dann eben doch noch etwas hinzulernen kann – und auf diese Art und Weise... immer wieder gerne!






Es ist kein Buch, das durch rasante Momente und durchgehende Spannung besticht, doch die Kombination aus Spionage und den Erinnerungen einer geflohenen Jüdin hat mich gefesselt. Selbst ohne den Heimatfaktor ist die Geschichte der Bühlerhöhe interessant und... ich bleibe dabei, diese Geschichte wirkt so real, dass sie einfach wirklich hätte passieren können. Und so Bücher sind doch einfach die Besten!







Quellen
Cover; Autorenvita; Inhalt